Vom Tage, an dem der Verderber fiel
(Quelle: Frau Gildwing, anwesende Chronistin im Lager der Greifenbronner Gesandtschaft)
Aufgezeichnet vom Wandersänger Elvian Tir, der bei Dämmerlicht am Feuer lauschte
Man sagt , in jenen Tagen sei der Himmel selbst schwarz geworden, nicht von Wolken, nicht von Rauch, sondern vom grossen Schatten eines Drachen,
Schwarz und golden, riesig wie ein Berg in der Luft, so breit, dass sein Schatten drei Königreiche zugleich bedeckte-und doch durchscheinend an manchem Ort, als sei der Leib nicht ganz aus Fleisch, sondern aus Fluch und Feuer gewoben.
Dort, inmitten der schimmernden Leere zwischen seinen Schuppen, pochte etwas. Ein Herz.
Verderbt. Verflucht. Pulsierend wie ein schwelender Amboss. Und wer ihn sah, sprach nicht seinen Namen- denn er war zu groß für Kehle und Zunge. Man nannte ihn nur das Verderben.
Viele flohen. Einige beteten. Doch einige…standen auf.
Ein Bund wurde geschmiedet. Jäger, Wahnsinnige, Helden, Verzweifelte.
Und sie trugen mit sich einen Speer, der so alt war, dass selbst Steine ihn beim Namen kannten.
Ein Artefakt aus den Tagen der Götter- oder, wie die Flüsterer der Maßvollen sagten, vielleicht gar selbst von einem Gott geführt.
Diesen Speer zu finden, hatte Opfer gefordert. Blut, Leben, Geheimnisse. Die Maßvollen hatten ihn mit Mühsal und Stille geborgen- denn sie wussten: Nur dieser konnte das Verderben fallen lassen.
Doch er verlangte einen Preis. Man musste sich dem Drachen stellen. Nicht aus der Ferne. Nicht mit List. Sondern mittendrin, in seiner Feuerschneise. Dort, wo seine Flammen wie siedendes Harz vom Himmel regnete, wo die Luft selbst zu Asche wurde und die Welt in Glut zitterte.
Und so standen sie dort- in einer Linie aus Fleisch und Mut- und als das Verderben über sie kam, richteten sie den Speer aus. Ein Schuß. Ein Schrei. Ein Herz, getroffen.
Dann—,,,.Stille.
Die Zeit selbst schien zu wanken. Kein Laut. Kein wind. Selbst die Vögel am Rande der Welt schwiegen. Die Welt hielt den Atem an.
Und dann kam die Antwort.
Ein Aufschrei des Todes. Das Herz des Drachen barst- und aus ihm strömte Magie wie ein Sturm. Giftig. Brennend. Klebrig wie geschmolzener Pechstein, der auf Haut und Seele klebt.
Sein Blut regnete nieder- und verbrannte, was es berührte. Magie schwappte über das Land wie Gischt aus Wahn. Die Druckwelle war wie der Schlag eines gefallenen Gottes. Tausende wurden erschlagen. Die Feldpost wurde zerdrückt. Die Schreiber, die Sanitäter, die letzten Reserven- alle unter dem tonnenschweren Leib begraben.
Der Himmel stand in Flammen. Und das Feld wurde still.
Doch das Verderben war gefallen.
Epilog:
Tausende Jahre vergingen. Der Leib des Drachen verrottete langsam-
gab seine verderbte Magie zurück ins Land, schubweise, träufelnd wie Regen aus altem Gestein.
Doch seltsam ist, dass in jenem Teil der Welt, wo sein Kadaver schlief, das Land heute…weniger bitter ist. Ein Hauch von Frost liegt in der Erde dort, als hätte das Opfer nicht nur Tod gebracht, sondern auch ein Versprechen. Dass selbst das Verderben, wenn es fällt, etwas Gutes hinterlassen kann.
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