Tagebuch von Eva während des Magierkrieges
(gefunden in der Erde nahe dem Drachen)
2. Halbwoch im Ernting, Nord-Theneris
In den Momenten, wenn die Kämpfe verstummen, könnte man beinahe Theneris’ Zauber erliegen. Das Land ist wunderschön, auch wenn weder die salzige Brise des Meeres noch das Kreischen der Möwen hier zu finden sind. Stattdessen breiten sich endlose grüne Flächen aus, bis hin zu einem gewaltigen Gebirgszug, dessen Gipfel von Schnee gekrönt sind und nur ahnen lassen, wie eisig die Luft in diesen Höhen sein muss. Ich sitze vor meinem Zelt und gönne mir eine kleine Abendpfeife. Sie stillt den nagenden Hunger und erinnert mich an bessere Tage daheim. In diesen kurzen Momenten des Friedens weiß ich wieder, wofür ich kämpfe.
1. Segenstag im Saatmond
Ich bin so erschöpft. Es gibt Schlachten, in denen man dem Feind Auge in Auge gegenübersteht und sich im Schwert- oder Dolchkampf misst. Daran ist fast etwas Erhebendes, etwas Ehrenhaftes. Abends sitzt man mit den Kameraden zusammen, erzählt von den Erlebnissen des Tages, prahlt vielleicht ein wenig und übertreibt, wenn man von seinem Mut und seinen Taten berichtet. Das ist in meinen Augen nichts Schlechtes. Es hebt die Stimmung und nimmt die Angst vor dem nächsten Tag.
Ganz anders ist es an Tagen wie heute, wenn die Magier in die Kämpfe eingreifen. Dann kämpft man nicht nur gegen den sichtbaren Feind, sondern auch gegen ein unsichtbares Ungeheuer, das einem die Kraft aus den Knochen saugt. Die Beine werden schwer wie Stein, die Gedanken wirbeln wirr umher, und die Schwerthand, sonst flink und sicher, fühlt sich an, als hinge ein Sack Kartoffeln daran. Nach einem solchen Tag sind alle so ausgelaugt, dass für eine Weile eine trügerische Ruhe einkehrt. Auch die Gegenseite ist dann nicht mehr in der Lage, einen neuen Angriff zu starten. Es ist nur die Frage, wer seine Kräfte zuerst wiederfindet, bevor das Morden weitergeht. Und ich habe das Gefühl, dass es jedes Mal ein wenig länger dauert.
3. Zinstag im Festsang
Eigentlich ist Festsang mein liebster Monat. Die Natur erwacht, und auch wenn es in meiner Heimat kein solches Gebirge mit Schnee gibt wie hier im Norden, so ist auch das Meer im Winter gnadenlos, friert alles ein. Im Festgesang jedoch stoßen weiße Pflanzen ihre Köpfe aus der Erde und grüßen die ersten warmen Tage und Sonnenstrahlen.
Nach so vielen Monden des Kampfes scheint es, als seien nicht nur wir erschöpft – alles um uns herum wirkt müde. Schon lange habe ich keine Vögel mehr gehört. Vergeblich warte ich darauf, dass die Hügel von Theneris sich wieder grün färben und die Bäume ausschlagen. In meiner Heimat Garona wäre dies längst geschehen, und wenn ich mich recht erinnere, war es auch hier im letzten Jahr so. Doch etwas hält die Natur diesmal zurück.
Bin ich wirklich schon mehr als ein Jahr hier? Hätte mir jemand gesagt, dass sich in dieser Zeit nichts verändern würde – dass gekämpft wird und gekämpft, ohne dass eine Seite nur einen Fußbreit gewinnt – ich hätte gelacht und es für unmöglich erklärt. Mein Zelt trägt schon die Patina des Winterregens, der Boden darin ist festgestampft wie der Lehmboden in Mutters Küche, und unser Lager gleicht einem armseligen Dorf. Überall hängen Leinen mit zerfetzten Kleidungsstücken, vor den Zelten liegen Steine, kaum groß genug für ein Gesäß, und die Pritschen sind tief in den Boden eingesunken, weil jede Nacht jemand auf ihnen liegt. Nur eines fehlt überall: Feuer. Wir haben kaum noch Brennholz. Die wenigen Zweige, die wir noch finden, werden im Mannschaftszelt gehortet, zum Kochen und Wärmen. In den Zelten ist es feucht und kalt – aber bei den Kameraden ist es warm und geborgen. Wenigstens das.
Dolvonstag im Kampfmond
Es wird nicht mehr lange dauern, bald sind wir zwei Jahre hier. Die Briefe aus der Heimat künden nichts Gutes. Die Sicht verengt sich, alles scheint sich nur noch auf das eigene Schicksal zu konzentrieren. Der Krieg ist hier, die Kämpfe sind hier – aber natürlich stimmt das nicht. Wir mögen hier stehen, um unsere Heimat zu schützen, doch längst hat der Krieg sie erreicht.
Meine Mutter schreibt, Alfons von Brinkmann sei bei ihr gewesen und habe gefragt, ob er wohl um meine Hand anhalten dürfe, wenn ich zurückkehre. Als ich ihren Brief las – den ersten seit über acht Monaten –, konnte ich nicht anders als weinen. In meinem kleinen Zelt hielt ich das Papier an mein Gesicht und glaubte, den Duft unserer Küche zu riechen: Wärme, gekochte Karotten und Lauch, dazu den Mentha-Tee, den sie mir immer zubereitete und den ich erst zu schätzen wusste, als ich ihn nicht mehr bekam.
Weiß Alfons von Brinkmann, was aus mir geworden ist? Meine Rüstung ist längst nicht mehr blank poliert, der Gambeson trägt Kerben, und die Eva, die er kannte, existiert nicht mehr. Ich weiß nicht einmal, wie ich aussehe, weil ich den Spiegelungen im Waschzelt ausweiche. An den Seiten habe ich mir das Haar geschoren, damit der Helm leichter sitzt. Nur das Deckhaar ist lang, fällt mir, wenn ich den Helm abnehme, wie ein weißer Wasserfall den Rücken hinab. Meist trage ich es im Zopf. Als ich von Alfons’ Absicht erfuhr, musste ich nach den Tränen lächeln bei dem Gedanken, wie ich wohl mit einem Blumenkranz im Haar aussähe: grau im Gesicht, abgemagert, gezeichnet von Narben, mit dem Schnitt einer Kriegerbraut. Alfons darf stolz sein auf eine Frau wie mich – eine, die seine Heimat verteidigt und dem Feind ins Gesicht springt. Vielleicht werde ich seinen Antrag annehmen.
2. Freimarkt im Dunkelmond
Es ist so kalt. Ich will nicht klagen, doch gestern ist Nebok in dem Zelt neben mir erfroren. Als er morgens nicht zum Appell erschien, hatte ich schon ein böses Gefühl. Spät am Abend, als ich noch einmal zu den Latrinen musste, sah ich eine dunkle Gestalt durchs Lager gehen. Es war ein Schwellenwächter, und das bedeutet Tod. Ich habe den Wächter in den letzten Wochen mehrmals gesehen, und jedes Mal schrumpfte unsere Einheit – weil jemand nicht mehr aus dem Zelt kam, nicht mehr auf den Paradeplatz trat. Nun hat es also Nebok erwischt, er ist zum Schwellenhüter gegangen. Möge er sanft ins Jenseits hinübergleiten.
So sehr mich der Gedanke an meine bevorstehende Hochzeit mit Alfons auch aufheitert, manchmal überkommt mich dennoch die Verzweiflung. Wie lange soll das noch so weitergehen?
So lange bin ich schon hier – und doch habe ich eines noch nie gesehen: Drachen. Schon als Kind war ich neugierig auf diese riesigen Geschöpfe. Man sagt, sie seien von großer Magie, gewaltig, mächtig – und doch unbezähmbar. Wer von ihnen spricht, weil er einen gesehen hat, tut dies mit einer Mischung aus Ehrfurcht, Faszination und Schrecken.
Heute Morgen kam die Nachricht, dass in der letzten Nacht ein Drache über den Gipfeln gesichtet wurde, beim Sechsten Nagel. Meine Freude konnte ich nicht verbergen. Ich werde einen Drachen sehen! In den Gesichtern meiner Kameraden jedoch liegt keine Vorfreude – sondern Furcht, echte Furcht. Und doch kann ich meine eigene Erwartung nicht unterdrücken.
1. Sonnentag im Frostmond
Wie töricht ich war! Voller Eifer habe ich meinem ersten Drachen entgegengefiebert, glücklich, ein so majestätisches Wesen mit eigenen Augen zu sehen. Nun bin ich froh, dass ich überhaupt noch Augen habe.
Mein „erster Drache“ war ein Ungeheuer. Die Furche, die er durch unser Lager brannte, ist tiefer als der größte Mann hoch ist. Verkohlte Reste von Zelten, Pritschen, Waffen – und meinen Kameraden – liegen dort unten. Wir hatten noch nicht die Kraft, sie zu bergen, und so liegen sie in der Kälte, und in den wenigen Augenblicken, in denen wir uns aus den Zelten wagen müssen, huschen wir hastig an diesem Mahnmal des Grauens vorbei, tun so, als sähen wir sie nicht.
Der Drache ist noch da. Mal kreist er über uns, mal über den Bergen, doch immer in der Nähe. Das Schlagen seiner gewaltigen Schwingen hört man schon von weitem – Vorboten von Vernichtung, Feuer und Tod. Sein Atem ist ein Inferno, seine Augen brennen vor Hass und Gier, und sein ganzer Leib strahlt eine magische Vibration aus, die selbst völlig Unbegabte wie ich körperlich spüren können. Dieses Wesen ist ein Albtraum.
Ich hoffe, ich überlebe dieses Biest.
Diary of Eva during the Mage Wars
(found in the earth near the dragon)
2nd Halfweek in Harvesting, North Theneris
In the moments when the fighting pauses, one could almost succumb to Theneris’s spell. The land is beautiful, even if there is no hint of salt water and no cries of seabirds to be heard. Instead, endless green expanses stretch out before a magnificent mountain range, whose peaks are capped with snow and only hint at the cold air at their heights. I sit in front of my tent and enjoy a small evening pipe. It eases the gnawing hunger and reminds me of better days back home. In these brief moments of peace, I remember what I’m fighting for.
1st Blessingsday in Seed Moon
I’m so exhausted. There are battles where you stand eye to eye with the enemy, testing yourself in sword or dagger combat. There’s something almost uplifting, something honorable about being in combat. Then you sit together with your comrades in the evening and recount the day’s experiences, perhaps boasting a little and exaggerating when you speak of your own courage and deeds. That’s not a bad thing in my opinion. It’s uplifting and takes away the fear of the next day. It`s different on days like today, when magicians intervene in the fighting. Then you’re not just fighting the visible enemy, you’re fighting an invisible monster that sucks the strength from your bones. You can feel your legs become heavy as stone, your thoughts are no longer coherent and swirl around in your head, and your sword hand, usually nimble and agile, feels as if a sack of potatoes is hanging from it. After a day like that, everyone is so drained that a deceptive calm sets in for a while. The opposing side is then also no longer able to start a new battle, and it’s just a matter of who regains their strength first before the battle continues. I have the feeling that it takes a little longer each time.
3rd Tollday in Feastsong
Actually, Feastsong is my favorite month. Nature has awakened, and even though there is no snow in my homeland like here on the mountains in the north, the sea is also merciless in winter, freezing everything. During Feastsong, white plants poke their heads out of the ground and greet the first warm days and rays of sunshine. After so many moons of struggle, it seems that not only are we tired, but everything around us also gives a sense of exhaustion. I haven’t heard any birds for a long time, and I wait in vain for the hills of Theneris to turn green again and the leaves to appear on the trees in my homeland of Garona, that would have happened long ago, and it was the same here last year, if I remember correctly, but something is holding nature back this year.
Have I really been here for more than a year? If someone had told me that nothing had happened here for over a year, that there had been repeated fighting without either side gaining any territory, I would have laughed and declared it impossible. My tent has already developed a patina from the winter rain, the floor inside the tent is trampled like the clay floor in my mother’s kitchen, and our camp looks like a beggar town. Clotheslines with tattered clothing are hanging everywhere, there are stones in front of the tents that are barely big enough for a buttocks, and the bunk beds in the tents have sunk a little into the ground because someone lies down on them every night. There is only one thing nowhere to be seen: fire. We hardly have any firewood left, and the few branches we can gather and find are gathered in the crew tent, where they are used for cooking and warmth. It is damp and cold in the tents, but with my comrades it is warm and cozy. At least something.
Dolvonsday, in Battle Moon
It won’t be long now, we’ve been here for almost two years. The letters from home don’t bode well up here, the view narrows and everything seems to focus on one’s own situation. The war is here, everything is happening here, the fighting is here, but of course it isn’t. We may be here to protect our homeland, but it has long since reached her. My mother writes that Alfons von Brinkmann visited her and asked if she wouldn’t mind him asking for my hand in marriage when I returned. When I read her letter, the first to reach me in more than eight months, I couldn’t help but cry. Sitting in my small tent, I smelled the paper she had written to me on and thought I could smell the scent of our kitchen, warmth, cooked carrots and leeks, and the tea with mentha, which she always made for me and which I only learned to appreciate when I could no longer get it.
Does Alfons von Brinkmann know what’s become of me? My armor isn’t freshly polished anymore, and the gambeson I wear has already sustained a few nicks, and the Eva he knew is no longer here. I don’t know what I look like anymore, because I avoid looking at the polished metal in the wash tent. I’ve shaved my hair on the sides now so it’s easier to put on my helmet, only the top is longer, and when I take off my helmet, it falls down my back like a white waterfall. I usually wear it in a braid. When I received the news of Alfons`s plan, after crying, I had to smile a little at the thought of what I would look like with a wreath of flowers in my hair. Gray-faced, emaciated, and adorned with many new scars, my hair cut like a warrior’s bride. Alfons can be proud to have a wife like me, one who protects his homeland, who throws herself in the face of the enemy. Perhaps I’ll accept his proposal.
2nd Fairday in Dark Moon
It’s so cold. I don’t want to complain, but yesterday Nebok froze to death in the tent next to me. When he didn’t show up for roll call in the morning, I had a bad feeling. Late in the evening, when I had to go to the latrines one last time, I saw a dark figure walking through the camp. It was a Threshold Guardian, and that means there will be deaths. I’ve seen the Guardian several times in the last few weeks, and each time our unit has shrunk because someone hasn’t been able to get out of their tent and onto the parade ground. So now Nebok has gotten it, and he’s gone to the threshold guard. I hope he had a smooth transition to the afterlife, and although the thought of my impending marriage to Alfons always cheers me up, I can’t help but feel despair sometimes. How long is this going to go on?
I’ve been here for so long, but there’s one thing I still haven’t seen: dragons. I admit, even as a child, I was curious to see one of these gigantic creatures. They’re said to be very magical, very large and powerful, and somehow uncontrollable. Those who talk about them because they’ve seen them before, do so with a mixture of awe and fascination, but also with a fair amount of horror. When the news came this morning that a dragon had been seen last night above the mountain peaks, toward the sixth nail, I couldn’t hide my excitement. I’m going to see a dragon! The faces of my comrades aren’t entirely filled with dread when they seem genuinely afraid. I can’t help but feel a certain anticipation about seeing my first dragon.
1st Sunsday in Frost Moon
How naive I was! I was actually eagerly anticipating my first dragon and was happy to be able to see such a majestic creature with my own eyes! Now I'm grateful I still have eyes at all. My “first dragon” was a monster. The swath of destruction it cut through our camp is deeper than our tallest man is tall, the charred remains of tents, beds, weapons, and my comrades lie in the trench. We haven`t had a chance to dig them out yet, so what`s left of them lies down there in the cold, and in the few moments we are forced to venture out from the cover of our tents, we have to hurry past this monument of horror, ignoring the fact that they are there.
The dragon is still there. It circles, sometimes above us, sometimes over the mountains, but always nearby. The beating of its magnificent wings can be heard from afar, heralding destruction, fire, and death. Its breath is like an inferno, its eyes burn with hatred and greed, and its entire body emanates a magical vibration that even completely non-magical people like me can physically feel. This creature is a nightmare. I hope I survive this beast.
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