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Auszüge - Aufzeichnungen des Nepomuk Mandelbaum

angefertigt von Gewnnifer of Broken Well, 1. Archivarin der Königlichen Bibliothek von Atteron


Vorwort und Erläuterung

Meine Studien zur Entstehung der Welt haben mich viele Male über die Grenzen des akademischen hinaus geführt. Ich habe im Lauf meiner Karriere, in der ich mir über die Grenzen von Atteron hinaus durchaus einen Ruf aufbauen konnte, bewiesen, dass ich nicht leichtfertig Gerüchten und Legenden folge. Dennoch hat sich das Studium von eben diesen oftmals als hilfreich erwiesen, um eine Forschung in gewisse Richtungen zu treiben. Was sich akademisch an einem Punkt nicht mehr erklären lässt, kann durch Hinweise aus lokalen Erzählungen und Legenden mit neuen Impulsen versehen werden. Es ist mir ein Bedürfnis, diese Zusammenhänge hier zur Sprache zu bringen, weil die nachfolgende Abschrift das Resultat meiner Forschungen auf der Grundlage einer eben solchen Erzählung oder Legende war. Als ich mich in der prekären Lage fand, mit meinen Nachforschungen einen Totpunkt erreicht zu haben, beschloss ich, den waghalsigen Schritt in die Folklore zu machen. Dabei stieß ich auf die Geschichte eines Forschers, der sich auf einer ähnlichen Suche wie ich befand. Er suchte nach dem Ursprung der Welt, wie wir sie kennen. Dabei glaubte er, auf der Suche nach drei Inseln oder Kontinenten zu sein, die durch das Zerbrechen eines einzelnen “Urkontinents” entstanden waren. Hier setzte ich mit meinen Nachforschungen an und richtete fortan mein Augenmerk auf solche Erzählungen, die drei Inseln oder Kontinente zum Inhalt hatten. So fand ich letztlich die Aufzeichnungen des Nepomuk Mandelbaum, der wohl ein Handelsreisender aus dem Süden Sarkans war.


[...] Die Geschichte hörte ich von einer Frau, die ich im Gasthaus an der Handelsroute nach Osten traf. Durch die dichten Schwaden von Tabak und Kaminfeuer konnte ich ihr Gesicht nicht gut sehen. Außerdem hatte sie, bis auf die Augen, ihre Züge hinter einem Tuch verborgen. Sie sprach zu einigen Kindern, die sich um sie herum auf dem Boden versammelt hatten und ihre Stimme klang, als käme sie von sehr weit her. Sie sprach von einer Zeit, als alle auf der Welt noch in Frieden miteinander lebte - eine Zeit der Unschuld, wie sie es nannte. Aber diese Unschuld sei zerbrochen und an ihrer Stelle hätten sich drei Inseln aus dem ewigen Meer erhoben. Jede dieser Inseln sei lebendig gewesen und habe eine Seele gehabt, aber nicht nur das, sondern jede …

[...] als sie zerbrachen. Die Frau erzählte den atemlosen Kindern, dass man mit diesen Fragmenten wahre Wunder vollbringen könne, wenn man es schaffte, sie zu finden [...]

[...] Der Einband des Buches war schon so verwittert, dass ich kaum glaubte, noch etwas Lesbares darin zu finden, aber ich irrte mich. Es sprach von einem „Kessel des Lebens“, so unglaublich mächtig, dass er die Toten auferwecken konnte. Der unbekannte Verfasser dieses Berichts schien den Kessel selbst gesehen zu haben, denn er beschrieb ihn so präzise, dass ich überzeugt bin, dass er – oder die Person, von der er abschrieb – das Artefakt mit eigenen Augen gesehen hatte. Es soll fast so hoch gewesen sein, wie zwei Männer und einen Durchmesser von mehr als fünf Ellen gehabt haben, groß genug, um mehrere Männer darin aufzunehmen. Er war dunkel gefärbt, seine Oberfläche fühlte sich seltsam warm an – nicht wie Metall, aber auch nicht wie Ton. Ich war erstaunt, als der Verfasser die „seltsame Empfindung“ beschrieb, die er beim Berühren des Kessels erlebt hatte. Er selbst sei nicht magisch gewesen, berichtete er, doch er „fühlte“, dass dieser Kessel von Magie durchdrungen war. Und das, obwohl er nicht einmal wusste, wie sich Magie überhaupt anfühlt. Die Hintergrundgeschichte zu diesem Bericht deutet darauf hin, dass er genau wusste, womit er es zu tun hatte. Er schrieb davon, dass dieses Artefakt vor der Welt verborgen bleiben müsse und in Menschenhand nicht sicher sei. Der Bericht endete mit den Worten: „Es stammt von einer Insel, und auf einer Insel wird es ruhen.“ [...]

[...] Die Spur führt nach Norden [...]

[…] zu lesen “Mitrarhin” sei die eine Insel, jene, deren Freude im Kampf lag, jene, die angeblich keine Herausforderung scheute und ihre Kinder nach den Winden der Welt benannte.

Jetzt hatte ich den Beweis! Ich konnte mein Glück kaum fassen. Neben Mitraspera gab es noch Mitrarhin! Jetzt fehlte mir nur noch ein Name und eine der Inseln, aber von ihr hatte ich bislang kaum etwas finden können. Wo war sie? Ich hatte das Gefühl, nur ein kurzer Schritt trennte mich von der Erkenntnis, wie unsere Welt entstanden war. [...]


[...] die verstaubten Regale. Auf meinem Tisch stapeln sich die Schriftrollen, die großen Bände der Geschichtsschreiber sind eng mit Buchstaben beschrieben und mein Augenlicht leidet durch das ständige Arbeiten bei Kerzenschein. Meine Geduld wurde belohnt, als ich eine brüchige Rolle aus der hintersten Ecke des Schranks zog. Sie war in einem sehr schlechten Zustand und hatte schon viele Zeilen eingebüßt. Vorsichtig versuchte ich, sie zu entrollen, ohne noch mehr des Inhalts zu verlieren. Ich las “Insel” und “magisch” und war hellwach. Wie enttäuscht ich war, als ich feststellen musste, dass jemand über die Buchstaben mehrere Schichten weiterer Buchstaben geschrieben hatte. Verzweifelt versuchte ich, die ursprüngliche Aufzeichnung zu entziffern, aber es schien, als habe jemand mit Absicht zu verhindern versucht, dass diese Information noch einmal von jemandem gelesen wird. Nur eines konnte ich entziffern und wusste, dass ich auf der richtigen Spur war: “Die dritte Schwester”. [...]


[…] den vielen Knochen an ihrer Kleidung ihre Geschichte zum Besten gegeben hatten, blickten sie mich erwartungsvoll an und forderten mich auf, nun auch eine Geschichte zu erzählen. Welche Geschichte konnte ich schon erzählen? Was hatte ich an aufregenden Dingen schon erlebt - ich, dessen gefährlichstes Erlebnis das Kosten von Eintöpfen in Gasthäusern am Handelsweg nach Osten war? Ich erzähle ihnen die Geschichte des Kessels und von den drei Inseln, die sich aus dem Meer erhoben hatten. Ich redete und redete, beschrieb und malte Wortbilder, ja, ich konnte mich selbst überzeugen, dass ich mit eigenen Augen gesehen hatte, wovon ich erzählte. Dann sah ich in die Gesichter der Drachenjäger und sah dort etwas, was mich unvermittelt stocken ließ. “Wir haben auch eine solche Geschichte”, sagten sie, “aber in unserer Geschichte geht es nicht um einen Kessel, sondern um einen Speer. Er gehörte Kass, unserer Götting.” Wie genau er zu ihnen gekommen sei, wussten sie nicht zu sagen, nur, dass er mächtig sei. So mächtig wie der Kessel, dessen Geschichte ich erzählt hatte. Und noch etwas sagten sie: “Es heißt, das Metall, aus dem er gemacht ist, stamme von einer Insel, die den Krieg liebte.” Ich war sehr aufgeregt. Das hier passte genau zu der Geschichte, die ich über die drei Länder gehört hatte! Auf die Frage, wo ich diesen Speer sehen könne, wussten sie nicht viel zu antworten. “Wir wissen es nicht, aber wir Drachenjäger glauben, dass damit ein Monster getötet wurde. Wozu soll ein solcher Speer auch sonst gut sein? Und es wird ein RICHTIGES Monster gewesen sein!” [...]


[...] Neben den anderen Karten. Auf den Rändern waren viele Notizen gekritzelt, Linien durchschnitten die Meere und schienen Reiserouten nachzuzeichnen. Schnell dahingeworfene Zeichnungen zeigten Pflanzen und Gebäude. die mir gänzlich fremd waren. Der Autor des Kartensatzes nutzte den Platz, der durch große Meeresflächen auf dem Pergament entstand, um seine Gedanken aufzuschreiben. Ich las Bezeichnungen wie “Mitraspera” und “Inseln” und in rot geschriebene Buchstaben las ich “Speer” und “Artefakt”. Meine Spannung stieg und ich studierte sorgfältig auch die kleinsten Hinweise. Die Antwort auf meine Fragen fand ich halb von einem Tintenfleck verdeckt. Ich hielt meine Lupe ganz eng an mein Auge und versuchte die verwischten Buchstaben zu entziffern… [...]


Mehr war aus den Aufzeichnungen von Nepomuk Mandelbaum nicht zu entnehmen, aber das, was ich aufzeichnen konnte, glich einer Spur von Brotkrumen, die mich an mein Ziel führen konnten. Ein Kessel und ein Speer, Inseln, mächtige Artefakte, geschaffen aus einer Insel, die in drei Teile zerbrach. Hatte ich hier die Entstehungsgeschichte unserer Welt vor mir liegen? Und wo war die dritte Schwester?