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Brief von Philios an Nevon

(gefunden im Sand der Ausgrabungsstätte)


Liebster Nevon,

ich weiß nicht so recht, wofür wir hier noch kämpfen. Es scheint schon längst alles verloren. Ein Schrecken liegt in der Luft, als ob etwas großes auf uns zukommen würde. Etwas schreckliches. Die Priester sagen, die Götter sind an unserer Seite. Ich konnte einem von ihnen entlocken, was er damit eigentlich meinte. Sie kämpfen auch. Hier. Gegen Schrecken, die wir uns nicht ausmalen können. Und warum? Alles wegen eines einzigen Mannes!

Das was ich dir erzählen will, habe ich auf einer meiner Spionagemissionen ins feindliche Lager erfahren. Ich werde dafür hängen, wenn jemand diesen Brief öffnet und liest. Aber, Liebster, bitte verzeih mir, wenn ich sage: Mein Leben ist mir weniger wert als mein Seelenfrieden. Ich muss wissen, dass meine Worte irgendjemand liest, der nicht zu abgestumpft ist, um sie zu fühlen. Und das bist du, Geliebter. Ich habe Assil gesehen. Er hielt eine Rede im Lager der Feinde. Ich hatte mich in das Publikum geschlichen und stand vor ihm, nur wenige Meter. Assil ist ein unscheinbarer Mann - hätte er nicht auf einem Podest gestanden, er wäre in der Menge nicht aufgefallen. Eine einfache Robe, kein Prunk, kein Anzeichen von Maßlosigkeit an ihm.

Er sprach von seiner Liebe zu einer Frau namens Mitraspera. Er sei ihrer Stimme gefolgt, bis hier her. Und sie seien so nah. Erst nach und nach verstand ich, dass diese Frau keine Frau, sondern ein Ort war. Mitraspera, ein Land der Fülle und der Freiheit. Auch in seinen Worten: Kein Anzeichen von Maßlosigkeit. Ich halte mich für einen Menschenkenner, und ich konnte nur ehrliche Liebe, eine verklärte Entrückung, aus seinen Worten entnehmen. Er sprach von einem Leben in Einklang mit dem Land. Er sprach von einem Neuanfang nach den Wirren des Krieges. Er sprach von Vergebung und Sühne. Ich verstehe warum ihm Menschen folgen. Doch was ich nicht verstehe, warum diese Menschen.

Sein Publikum war nämlich eine anderer Anblick. Vernarbte, grimmig dreinblickende Söldnerinnen. Magier, die bei Worten des Maßes teilnahmslos dreinblickten. Dafür blitzte reine Gier in ihren Augen, sobald es um die grenzenlose Macht dieser Mitraspera ging. Nicht Assil schien mir Maßlos, sondern seine Gefolgsleute. Der schlimmste von allen war ein Magier namens Prutarion von Belgaroth. Er beobachtete Assil mit dem falschesten Grinsen, welches ich je gesehen habe. Er lobte die Rede, nachdem er sie mit spitzen Worten unterbrochen hatte, mit Worten, die die Gier der maßlosen Magier im Publikum nur noch mehr anstachelte. Wenn ich je einen Teufel in Menschengestalt gesehen habe, dann war er es. Bevor ich mich aus der Menge stahl, streifte mein Blick kurz den von Assil. Und für einen kurzen Moment hatte ich Mitgefühl mit diesem Mann. So viel echter Schmerz und Trauer war darin. Doch dann erinnerte ich mich, wie viele Leute wegen ihm gestorben sind. Dass dieser Krieg auch wegen ihm zu dem sinnlosen Gemetzel wurde, wegen dem wir alle hier sterben werden.

Nevon, bitte sorg für dich. Ich werde nicht zurückkehren. Leb dein Leben, solange du noch kannst. Ich werde dich auf der anderen Seite der Schwelle erwarten.


Philios


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(Handelssprache)


A letter from Philios to Nevon

(found in the sand of the excavation site)


Dearest Nevon,

I don’t really know what we’re still fighting for here. Everything seems lost long ago. A sense of terror hangs in the air, as if something great is coming our way. Something terrible. The priests say the gods are on our side. I was able to get one of them to reveal what he actually meant by that. They’re fighting too. Here. Against horrors we can’t even imagine. And why? All because of one man!

What I’m about to tell you, I learned on one of my espionage missions into the enemy camp. I’ll hang if anyone opens and reads this letter. But, darling, please forgive me if I say: My life is less valuable to me than my peace of mind. I need to know that someone is reading my words who isn’t too numb to feel them. And that’s you, beloved.

I saw Assil. He was giving a speech in the enemy camp. I had sneaked into the audience and stood in front of him, just a few meters away. Assil is an unassuming man - had he not been standing on a pedestal, he would not have stood out in the crowd. A simple robe, no pomp, no sign of excess on him.

He spoke of his love for a woman named Mitraspera. He had followed her voice all the way here. And they were so close. Only gradually did I understand that this woman was not a woman, but a place. Mitraspera, a land of abundance and freedom. Even in his words: no hint of excess. I consider myself knowledgeable of human nature, and all I could gather from his words was genuine love, an otherworldly bliss. He spoke of a life in harmony with the land. He spoke of a new beginning after the turmoil of war. He spoke of forgiveness and atonement. I understand why people follow him. But what I don’t understand is why these people.

His audience was so different. scarred, grimfaced mercenaries. Mages who looked impassive at words of moderation. But pure greed flashed in their eyes whenever the limitless power of this Mitraspera was mentioned. It wasn’t Assil who seemed boundless to me, but his followers. The worst of all was a mage named Prutarion of Belgaroth. He watched Assil with the most false grin I’ve ever seen. He praised the speech after interrupting it with sharp words, words that only further fueled the greed of the boundless magicians in the audience. If I’ve ever seen a devil in human form, he was it.

Before I stole out of the crowd, my gaze briefly met Assil’s. And for a brief moment, I felt compassion for this man. There was so much real pain and grief in it. But then I remembered how many people died because of him. That it was also because of him that this war became the senseless slaughter for which we will all die here.

Nevon, please take care of yourself. I won’t be returning. Live your life while you still can. I’ll be waiting for you on the other side of the threshold.


Philios