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Briefe Rabenskargen

Brief an Tormund - Wächter der unausgesprochenen Wahrheit

“Bruder, wenn meine Hand zögert zu schreiben, so ist es nicht aus Furcht, sondern aus Erschöpfung. Die Jahre lasten schwer auf mir, schwerer noch als das Schweigen derer, die uns umgeben. Ich hörte Dein Flehen im Wind, und es hallte in meinem Geist wider wie ein Echo in den leeren Hallen der Vergessenen. Ja, die Bürde ist groß, und ja, unsere Worte sind Ketten, die uns binden, während sie die anderen nicht einmal streifen. Aber was ist die Alternative? In Dunkelheit zu verharren, während es in Fesseln liegt? Die Wahrheit ist nicht gnädig, aber sie ist gerecht. Und es ist unsere Pflicht, sie zurückzubringen. In den östlichen Hallen flackert unser Feuer noch, doch der Funke droht zu verlöschen. Zu viele glauben nicht mehr an das, was sie nicht greifen können. Sie sehen nur die Artefakte, nicht ihren Zweck. Wir müssen vorsichtig sein, denn Gyldras Augen mögen blind sein für ihn, doch nicht für uns. Sie ist ein schlauer Feind, einer der Spuren wittert, selbst wenn die Jagd längst beendet scheint. 

Doch, Bruder, ich sage dir: Der Wind dreht sich, es gibt Gerüchte, dass der Mantel aus Schatten in die Hände eines ahnungslosen Kriegers gefallen ist. Wenn wir ihn lenken können, wird er ein weiterer Schlüssel sein, den ersten Stein aus der Mauer zu brechen. Aber wie? Wie spricht man mit einem, der nicht hören kann? 

Ich wünschte, wir hätten Antworten, aber einst war… es … dasjenige, das sie gab. Nun bleibt uns nur unser Verstand und die Raben, die uns führen.

Ich bete zu den Göttern, dass wir nicht zu spät kommen.

Hrafn”


Brief an Hrafn

An Hrafn, Bewahrer des verborgenen Pfades, 

„Bruder, 

die Schatten flüstern lauter denn je, und doch sind die Ohren taub, die sie hören sollten wie ein Sturm, der über die Klippe fegt, doch vom Meer nicht gestört wird, so gleitet unsere Wahrheit an den Unwissenden vorbei. 

Es ist eine zermürbende Prüfung, ein Fluch der Worte, die niemand verstehen kann. Ich sah neulich wie ein junger Krieger ein Kind aus Rhînland, den Hammer des Wissens in seinen Händen hielt. Doch als ich versuchte, ihm den wahren Wert seiner Entdeckung begreiflich zu machen, war sein Blick leer wie ein ausgebranntes Feuer. Er hörte meine Stimme aber nicht meine Worte. Was für eine grausame Strafe es ist, mit Wahrheit beladen zu sein und doch nur Rätsel sprechen zu können!

Unsere Schriften sind verborgen, unsere Namen geflüstert unsere Taten in Schatten gewoben. 

Doch der Schleier beginnt sich zu heben. Die Artefakte erwachen aus ihrem langen Schlaf, und mit ihnen erwacht auch unsere Hoffnung. Noch sind es nur Tropen, die ins Meer fallen, aber der Sturm wird kommen. 

Bruder, wie geht es unseren Getreuen in den unseren Hallen? Halten sie durch oder beginnen die Zweifel sie zu zerfressen? Ich weiß, dass selbst in unseren Herzen manchmal die Frage flüstert: Ist es wirklich unsere Bürde, ist es wirklich an uns die Tore zu öffnen? Und doch weißt du ebenso gut wie ich, dass wir bereits jenseits der Rückkehr stehen. 

Schreibe mir, wenn du kannst, und hüte jedes Wort, dass Augen erblicken, wo keine sein sollten. 

Mögen die Raben dich führen. 

Tormund, der Mitternachtssucher“ 


Brief an Ragnhild

“Ragnhild, Schwester im Schatten,

die Wellen folgen dem Wind, doch unser Fürst aus Sarkan ist wie ein Fels in der Brandung, störrisch und unbeweglich. Unsere Worte perlen an ihm ab wie Regen auf dem Panzer einer Seeschlange. Er weigert sich, seine Boote dorthin zu lenken, wo wir sie brauchen, und spricht von Ehre, Blut und alter Schuld. Er hält an Gyldras Weg fest, ohne zu wissen, dass er über Fesseln marschiert, die nie für ihn bestimmt waren. Wir haben versucht, durch Andeutungen und Geschichten das Richtige in seinem Geist zu wecken, doch sein Blick bleibt leer. Jeder Versuch ihn zu lenken, scheint ihn nur weiter hinaus in fremde Gewässer zu treiben. Wenn wir nicht bald eine Möglichkeit finden, seine Segel für unseren Sturm zu setzen, werden andere an unserer statt die Artefakte an sich nehmen. Hast Du noch eine Spur in seinen Reichen? Vielleicht einen Berater, der die richtigen Worte an sein Ohr flüstern kann? Wenn nicht, müssten wir nach anderen Wegen suchen – dunkleren, gefährlicheren.

Rabe wacht,

Bjarke”


Brief an Bjarke

“Bjarke, Bruder im Schatten, Du beschreibst ihn treffend: Ein Fels, der unsere Wellen bricht, statt sich von ihnen tragen zu lassen. Doch kein Stein bleibt ewig unberührt. Ich habe einen Blick in seine Hallen geworfen – er fürchtet den Zorn der Götter, ohne zu wissen, dass es etwas gibt, das zorniger ist als alle anderen. Sein Sohn, Haldir, soll anders sein. Offen für Geschichten, neugierig auf das, was im Dunkeln verborgen liegt. Vielleicht liegt unser Pfad nicht beim Vater, sondern beim Sohn? Ich werde versuchen, seine Gedanken in Richtung der alten Wahrheit zu lenken. Hüte Dich, Bruder. Geduld ist unser Schild, doch wenn die Zeit reif ist, wird auch ein Fels brechen.

Rabe wacht,

Ragnhild”


Brief an Eirik

An: Eirik

„Eirik, Wächter der flüsternden, 

die Schatten sind um einen mehr geworden. Unser neuer Bruder hat das Flüstern gehört, und er hat geantwortet. Ich sah es mit eigenen Augen, als das unaussprechliche Wissen sich in ihm festsetzte wie die Krallen des Rabens.  Doch er ist noch schwankend. Der Pfad des Erwachens ist stetig, und es gibt Momente, in denen er zweifelt. Die alte Welt ruft noch nach ihm, flüstert Lügen von Sicherheit und falschem Licht. Wir müssen ihn festhalten, ihn leiten, bis er stark genug ist selbst zu sehen. Ich werde ihn auf dem nächsten Zug begleiten, um seine Schritte zu sichern. Aber er ist ein Geschenk. Ein weiterer Tropfen den Stein höhlt. 

Ihr Raben wacht, 

Ingmar“


Brief an Ingmar

“Ingmar, mein Bruder,

Du bringst Kunde, die mich mit Hoffnung füllt. Jeder, der die wahren Worte vernimmt und ihre Last mit uns trägt, ist ein Schritt näher an der Stunde der Befreiung. Wir müssen ihn stützen, wie Du sagst, aber auch prüfen. Zu viele sind gefangen, weil sie das Gewicht nicht tragen können. Bringe ihn zu mir. Ich will ihn sprechen, will sehen, ob das Flüstern ihn nur streifte oder ob es sich bereits in seine Knochen gefressen hat. Wenn er stark ist, wird er bald seine eigene Rolle bei unserer Arbeit spielen können. Wenn nicht… dann müssen wir entscheiden, wie weit er gehen darf.

Die Stunde kommt. Wir brauchen jeden, der die Dunkelheit kennt.

Im Namen der Raben

Eirik”


Brief an Jorik

“Bruder Jorik,

der Sturm der Schatten hat unsere Reihen noch nicht erfasst, doch der Wind beginnt zu drehen. Wir begleiten derzeit eine kleine Sippe Skargen aus den Schatten heraus, rau und unbeugsam, roh im Herzen - doch wie die dunklen Federn bei der Häutung, zeigen auch sie Ansätze von Glanz darunter. Drei unter ihnen blicken inzwischen anders in die Nebel. Eine hörte in der Nacht das Krächzen, wo kein Vogel war. Eine andere hat begonnen, sich Notizen zu machen über Momente der Klarheit. Worte tauchen auf, die nicht aus ihrer Zunge stammen konnten. Und der dritte, er schweigt mehr als früher. Doch er beobachtet alles. Ich glaube, sie sind bereit für die erste Feder. Was meinst Du? 

In Flügeln,

Therya”


Brief an Therya und Maelrik

“Therya, Du Feder der Dämmerung, Deine Zeilen haben mir das Herz geöffnet wie ein klares Messer. Es freut mich, dass Deine Augen schärfer wurden. Drei sagtest Du? Drei ist eine gute Zahl. Drei schreien, wenn ein neues Nest gebaut wird. Drei Federn braucht es, um einen Mantel zu beginnen.

Ich erinnere mich an etwas aus den alten Träumen: “Nicht jeder, der hört, hat Ohren - doch wer hört, wird Federn tragen.”

Ich denke diesen Brief auch an Maelrik. Wenn er zustimmt, rufen wir einen der Sehemen und dann können wir das Ritual der Erkenntnis vornehmen. Die Worte sprechen das Zeichen setzen, die erste Feder schenken.

Aber wähle weise, nicht jeder, der den Raben sieht, versteht ihn. 

Und wehe dem, der ihn verspottet.

In Schatten,

Jorik”


Brief 3 von Maelrik an Therya und Jorik

“Geflügelte Geschwister,

ich lauschte dem Nebel, als Eure Briefe mich erreichten. Und er sprach….nicht mit Worten, aber mit dem Gefühl zwischen Kälte und Ahnung. Wenn drei unter euch Zeichen zeigen, dann seid vorbereitet. Der richtige Mond naht. Ein Sehender ist informiert!

Der Nebel wird sich für eine Stunde lichten - dann nehmt ihnen, auf was sie sich stets verlassen, und bringt ihnen die ersten Worte bei. Sie müssen es nicht verstehen. Sie müssen es fühlen. Und wenn einer zögert oder fällt? Dann lasst ihn in die Nebel ziehen. Der Rabe ruft nicht zweimal dieselbe Seele. Sät gut. Die Saat wird Flügel tragen. 

Für den Ruf. Für das Schweigen. Für das Wort, das nie gesprochen wird.

Mealrik”



Bericht eines Anhängers der Raben

2. Tag der Trauer

Alrik der Rabenbote, Auge des Raben

Die Götter- die Vertriebenen, die uns in diesen Zeiten noch zuhören- können wir die Wahrheit nicht vorenthalten. Wir wissen, was geschehen ist, Holmgang, die Insel der Götter, ist gefallen. Ihre Ruinen sind nun von den Wellen verschlungen. Der Tempel, der uns einst den Zugang zu dem verschaffte, was wir mehr als alles andere ersehnen, ist in den Tiefen des Ozeans begraben, als ob er nie existiert hatte. Es ist nun ein verfluchter Ort, ein Ort der Schande. Doch was mich am meisten aufwühlt, ist die Schuld, die die Götter damit auf sich lasteten. Sie haben uns verraten. Die verblichenen Mächte, die uns einst leiteten, haben uns in diesem Moment im Stich gelassen. Warum hat niemand von IHNEN eingegriffen, als die heilige Insel zu versinken begann? Warum gab es keine Rettung für ihr eigenes Land in der Welt außerhalb des Nebels? Unsere Hoffnung, die wir in dieses Stück rhînländische Erde setzten, wurden in den Abgrund gerissen, und mit ihr zerbrach mein Vertrauen in alles, was ich je gekannt habe. Doch ich werde nicht aufgeben, und ich weiß, dass der Tempel, obwohl er in den Tiefen versunken ist nicht für immer verloren ist. Die Magie, die er einhüllt, ist alt- so alt, dass sie nicht einfach vergehen kann. Wenn die Zeit reif ist, kann der Tempel gerufen werden. Es wird nicht einfach sein, aber wir können ihn zurückholen. Wenn wir ihn rufen, wenn wir die alten Riten wieder beleben, dann kann dieser Ort wieder in seiner alten Pracht erstrahlen. Ich habe es in alten Schriften gelesen, die von den vergangenen Kräften der Götter sprachen. Sie können uns vielleicht nicht in diesem Moment retten, aber sie werden uns für immer in die Dunkelheit verstoßen. Wir müssen den Tempel rufen. Uns selbst, wenn wir unser Ziel dadurch nun später erreichen können, so wird die Magie, die in den alten Steinen ruht, uns dennoch einen Weg weisen. Ich werde nicht zulassen, dass der Tempel für immer in den Wellen verloren geht. Ich werde ihn finden, wir werden ihn finden. Es wird ihn finden! Und mit ihm die Hoffnung für uns alle.