Barandtil
Aus den Chroniken der alten Ragnvald, Chronist der großen Halle
Ich erinnere mich gut an jenen besonderen Tag, als Alira, eine überaus vielversprechende Novizin unseres ehrwürdigen Ordens, mit festem Schritt und klarer Entschlossenheit vor die Versammlung trat. In der Großen Halle herrschte erwartungsvolle Stille, als sie mit ruhiger und doch kraftvoller Stimme ihren Wunsch verkündete, sich im Namen der Klarheit an eine der Klingen des Wassers zu binden – ein unvergleichliches Artefakt von außerordentlicher Macht, geschaffen unter der Leitung unserer erfahrensten Verzauberermeister und geschicktesten Artefaktschmiede. Ihr Entschluss war außergewöhnlich, denn die Bindung an solch eine Waffe galt seit jeher als höchste Ehre und zugleich größte Herausforderung unseres Ordens. In Aliras Augen funkelte jedoch eine unerschütterliche Zuversicht, deren Anblick ich nie vergessen werde.
Um sich auf diese bedeutsame Prüfung vorzubereiten, widmete Alira jedem ihrer Tage intensive und sorgfältig geplante Übungen zur Stärkung ihrer Selbstbeherrschung, Disziplin und körperlichen Präzision. Bereits vor Sonnenaufgang verließ sie die Sicherheit unserer Hallen und begab sich zum ruhigen Ufer des Sees, wo sie in tiefer Meditation versank, um den Fluss ihres Atems harmonisch mit den sanften Strömungen des Wassers zu verbinden. Stundenlang verweilte sie unbeweglich, um Geist und Körper vollständig in Einklang mit dem Element zu bringen, das sie zu meistern suchte. Zusätzlich zu diesen meditativen Praktiken trainierte Alira mit eiserner Entschlossenheit die altehrwürdigen Kampftechniken unseres Ordens. Ihre Bewegungen wurden geschmeidig, fließend und zugleich kraftvoll – ganz wie das Wasser selbst, das sanft und zugleich unnachgiebig ist. Tag um Tag sah ich, wie sie sich verfeinerte, und ihr Fortschritt erfüllte uns alle mit Stolz und Bewunderung.
Doch diese Vorbereitung allein war nicht genug. Alira musste zudem tief in die Geheimnisse und verborgenen Kräfte des Wassers eintauchen, um die Zustimmung der Sintar, den ältesten und weisesten Mitgliedern unseres Ordens, zu gewinnen. Diese Prüfung galt seit jeher als die schwerste, denn die Sintar sahen nicht nur auf äußere Stärke, sondern vor allem auf die Reinheit und Entschlossenheit des Herzens. Ihr Pfad war beschwerlich und verlangte Stärke des Körpers ebenso wie Klarheit des Geistes und Reinheit der Absichten. Doch niemals zweifelte Alira an ihrem Schicksal oder ihrem Ziel, wusste sie doch, dass nur die wahrhaft würdige Seele die Klinge führen durfte.
Es obliegt mir, Ragnvald, dem demütigen Chronisten und Zeitzeugen dieser historischen Ereignisse, ihre außergewöhnliche Geschichte festzuhalten. Mögen zukünftige Generationen von ihrem beispielhaften Mut, ihrer unermüdlichen Hingabe und ihrer grenzenlosen Entschlossenheit erfahren. Ihre Reise, ihre Prüfungen und die unzähligen Opfer, die sie brachte, dürfen niemals in Vergessenheit geraten. Es ist meine Hoffnung und mein Wunsch, dass Alira ihren Weg erfolgreich beschreiten wird, um uns und kommende Generationen vor all jenen zu beschützen, die uns schaden wollen. Möge das Wasser sie auf all ihren Wegen leiten und ihre Kraft stets erneuern. Es sind Monate vergangen, seit ich Meister Kael das letzte Mal gesehen habe. Ich möchte ihm die gute Nachricht mitteilen. Er hat sich nicht in mir getäuscht.
Vor Jahren hat er mich das erste Mal aufgesucht. Ich kann mich noch genau erinnern. Es war am Abend des Goldenen Tages. Der Tag, an dem der goldene Wagen am längsten am Himmel steht. Ich war noch ein einfacher Junge und hatte die ehrenhafte Aufgabe, in unserem Schauspiel den glühenden Marak zu verkörpern. Einer der großen Krieger unserer Geschichte. Voller Inbrunst schrie ich meinen Zorn in die Welt. Und ich focht den Kampf meines Lebens. Zumindest dachte ich es damals. Ich träumte davon, selber ein mächtiger Krieger der Flamme zu sein. Und all diese Wünsche legte ich in meine Darbietung.
Danach kam Meister Kael zu mir und sagte, er hätte etwas in mir gesehen. Und so nahm er mich mit zum Orden. Hier trainierte ich die letzten Jahre. Nicht alleine, sondern mit vielen anderen Novizen. Mit meinen Brüdern und Schwestern, denn wir alle waren auf demselben Weg. Doch nur den stärksten von uns sollte der Ruhm vergönnt sein. Und so trieb ich mich immer wieder an, wiederholte die Übungen wieder und wieder. Doch Jahr um Jahr waren es die anderen, die sich binden durften. Doch ich gab nicht auf. Ich stärkte die Flamme in mir, und sie loderte immer stärker. Und heute war es soweit. Meine Brust ist immer noch geschwollen vor Stolz. Die Worte
hallen immer noch durch meinen Schädel, und mein Herz pocht wie wild. Ich kann mich einfach nicht beruhigen, sondern möchte meine Freude in die Welt hinaus schreien. Es ist schon einige Stunden her, als mich Meister Boleventius zu sich kommen ließ. Natürlich folgte ich seinem Ruf sofort, doch steckte die Furcht mir tief in den Knochen. Die meisten meiner Brüder und Schwestern mussten unser Lager verlassen, nachdem sie zu so einem Gespräch gerufen wurden. So stand ich vor ihm, und er betrachtete mich wortlos. Er ging um mich herum. Doch ich wich nicht zurück. Ich zeigte keine Furcht. Denn in mir brennt der Wille Ignis. Dann erhob Meister Boleventius seine Stimme. Doch es waren keine Worte des Tadels. Im Gegenteil. Er verkündete, dass ich so weit wäre. Ich, Barandtil, ein einfacher Junge vom Lande, soll eine Ignis-Klinge werden. Ich würde ja sagen, dass es Glück sei, doch ich denke, es war mein Schicksal. Die Elemente, nein, Ignis hat diesen Weg für mich ersonnen, und ich bin bereit, ihm zu folgen. Es ist nun Jahre her, dass ich hierher gebracht wurde. Ich habe hier viel erlebt. Viel gelernt. Ich hatte hier viel Freude, aber auch viel Trauer. Und viel Schmerz. Sehr viel Schmerz. Das Training wurde immer härter, immer anspruchsvoller und immer gefährlicher. Die meisten meiner Brüder und Schwestern schafften es nicht. Doch ich war stark genug. Der Weg, den mir Ignis zugedacht haben, ich wandle auf Ihm. Ich gehe Ihn voller Stolz und in dem Wissen, dass sie über mich wachen.
Taria hat mich immer wieder ermahnt, ich solle mich zügeln. Doch ich denke, dass man seine Gefühle ausleben sollte. Man sollte Feiern und trinken, wenn ein Festtag ansteht. Man sollte mit vollem Einsatz kämpfen, wenn es Streit gibt. Und man sollte sich nicht zurückhalten, wenn man die Felle miteinander teilt. Und seien wir ehrlich. In den kalten Nächten wollte Taria keine Zurückhaltung von mir. Doch morgen ist es endlich soweit. Morgen werde ich meine Klinge erhalten. Ich werde sie vor den Augen aller ergreifen, in die Höhe recken und mit ihr ringen. Zumindest einige Augenblicke. Dann werde ich das Schwert beherrschen. Dann werde ich so viel stärker sein als meine Brüder und Schwestern. Ich werde Baldur alt aussehen lassen, und ich freue mich darauf, es diesem Luftikus unter die Nase reiben zu können, dass ich schneller war als er. Das Igniskind hat das Aeriskind im Wettstreit geschlagen.
Und ich werde weit mächtiger sein als Taria. Sie hat die Klinge zwar vor mir erhalten, doch sie ist ein Kind der Herren der Tiefe. Immer nur Kontrolle und Bedenken. Pha. Ich bin jetzt schon der bessere Kämpfer, und wenn ich meine Klinge unterworfen habe, wird sie mir nicht mehr das Wasser reichen können. Dann ist es vorbei mit Zurückhaltung. Denn dann ist Barandtil die stärkste Flamme weit und breit.
Ich kann es kaum noch erwarten. Die letzten Stunden werden nur langsam vergehen. Und Meister Boleventius hat mich angewiesen, das Ritual immer wieder und wieder zu studieren. Er wirkte besorgt, ob ich wirklich bereit bin. Und so wälze ich immer wieder dieselben Texte. Die Buchstaben verschwimmen vor meinen Augen. Doch Ignis führt mich. Und bald kennt jeder den glühenden Barandtil.
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