Direkt zum Hauptinhalt

Texte aus dem Prisma

“I.

Es ist erstaunlich, wie vielfältig dieser Ort einsetzbar ist, welche Macht in diesem Bündel an elementaren Energiesträngen steckt. Wir führen gerade mehrere Versuchsreihen durch, um zu ergründen, wo die Grenzen des Möglichen liegen - und mit jedem Tag scheint es, als gäbe es sie nicht! Wir haben gelernt, Kraft in das System einzuspeisen. Es ist bereit, die unterschiedlichsten Dinge aufzunehmen, pure magische Energie, aber auch geprägte Kraft in Form von Emotionen, und auch den reinen Lebensfunken eines der Testpersonen hat es in sich aufgenommen.

Jetzt gilt es, dieses Potential auszuschöpfen. Wir geben hier nicht nur Energie, sondern auch Information in das Land, und das Land selbst, dieser lebendige Kontinent unter uns, vermag unglaubliches mit dieser Information anzustellen, wenn wir es nur richtig leiten und anweisen!
Was wäre, wenn wir das, was wir in das System geben, sortieren, filtern könnten? Könnten wir so aus einem Wesen all die Dinge herausfiltern, die wir für unzureichend befinden? Könnte man ein einziges Element aus einem Artefakt leiten, zurück in das System, könnte man Eigenschaften, Elemente, Fertigkeiten, Gedanken und Emotionen mischen und kombinieren, und daraus etwas Neues, Einzigartiges, Perfektes zu erschaffen?
Ich spreche hier bewusst nicht nur von der Aufteilung der elementarer Kraft. Natürlich ist es reizvoll, sich bereits dem höchsten Ziel zuzuverwenden. Wenn wir alles, was wir nicht pure elementare Kraft ist, aus unseren Körpern verbannen könnten, wenn wir eins werden würden mit den Strömen der Elemente dieser Welt, uns mit ihnen direkt, ohne die Barriere des Sterblichen Fleisches, verbinden könnten – aber ich schweife ab.
Diese Theorien von Meister Quihen schwirren vielen von uns im Kopf herum, aber die Umsetzung seiner Ideen muss warten, bis wir das System besser verstanden haben. Jetzt wollen wir uns auf banalere Dinge konzentrieren. Das Austrennen des eigenen Willens aus einem Testobjekt vielleicht, das Kombinieren von Eigenschaften, von körperlichen Merkmalen. Wieso nicht eine Person, ja ein Volk erschaffen, das unseren Zwecken dienen soll? Wieso nicht die Stärke einer dieser beeindruckenden Seeschlangen, die wir an den Küsten entdeckten, kreuzen mit dem unbedingten Willen, für uns in den Kampf zu ziehen, unseren Worten zu gehorchen? Wieso ihnen nicht einen Körper geben, der sie auch auf dem Land wandeln lässt, wo sie viel eher für unsere Zwecke eingesetzt werden könnten?

ALLES scheint möglich hier an diesem Ort. Die Grenzen scheinen, wie gesagt, endlos.”

“II.

Die erste Versuchsreihe hat uns neue Erkenntnisse gebracht. Einige würden es Scheitern nennen, aber tatsächlich sind wir nun klüger als zuvor.

Wir haben Mittel und Wege gesucht, dem System unsere Wünsche aufzuzwingen. Wie gibt man einem Strang aus Energie zu verstehen, welche Teile eines Wesens er in sich aufnehmen soll, und welche er in dieser Welt belassen muss? Wir haben es auf die, nun, klassische Art versucht, indem wir unsere Gedanken in das System gespeist haben. Es hat nur zu unzureichenden Ergebnissen geführt, die Information kommt anscheinend nur bruchstückhaft und unvollständig an. Einer der Adepten - sein Name entfällt mir - war am Ende des Tages so frustriert durch die fehlenden Ergebnisse unserer Testreihe, dass er in den Strang selbst griff, wohl in der Erwartung, dass er so seine Wünsche an das System besser übertragen könnte.

Nun - er selbst ist nun wohl ein Teil des Landes, denn wie erwartet war die direkte Berührung wie ein Schlag unermesslicher Stärke, wie ein Blitz, der in ihn fuhr. Selbstredend konnte er dies nicht überleben, wir haben seinen Körper und seine Energie dem Land übergeben, damit er uns weiter dienen kann - als ein Tropfen im Energiequell Mitraspera, denn für wahr, diese Experimente brauchen Unmengen an Energie auf!

Die Idee kam mir letztlich beim Morgenritual, als der Wind mir einen der langen Vorhänge ins Gesicht wehte und ich mit einem Mal die gewebte Struktur des Stoffes von der Nähe sah. Und ich erinnerte mich an Praktiken einiger Bewohner der Hochebene Karn in der Heimat, die Informationen und Geschichten in Stoffe weben. Was, wenn auch wir unsere Wünsche in Mitraspera einweben könnten?

Ich werde meine Theorien direkt morgen testen!”


“III.
Wir haben einige Stränge gewebt und magisch geprägt, um sie in das System zu knüpfen, mussten aber feststellen, dass der Strang, als ganzer, zu schwer zu bearbeiten ist. Ich habe drei Adepten aufgetragen, die Stränge aufzuteilen - eine aufwendige Arbeit, weil sie dicht miteinander verdreht sind und man sie selbst mit dem Schutz, den wir entwickelt haben, nur kurze Zeit manipulieren kann.

Allerdings hat sich die Arbeit gelohnt. Wir haben die elementaren Stränge aufgespannt und begonnen, unsere Änderungswünsche in das System zu knüpfen. Meine Kollegen meinen, dass es reicht, die genauen Anforderungen (zum Beispiel einen geminderten eigenen Willen) magisch in Stränge zu sprechen ehe wir sie anknüpfen, ich aber denke, dass wir das Ergebnis noch feinschleifen können, indem wir die Details präzise auf ein Pergament geben und mit an das System knüpfen. Es ist, so kommentierte einer meiner Adepten humorvoll, als gäben wir Mitraspera selbst eine Anweisung, wie sie unsere Testobjekte zu wandeln habe. Ich glaube, dass er damit gar nicht so falsch liegt.

Wir haben drei Tage lang Anweisungen an den elementaren Energiestrang geknüpft. Dabei haben wir darauf geachtet, dass wir sie ihren Elementen zuordnen, so es möglich war. Andere haben wir aus Vorsicht zunächst an alle Stränge geknüpft oder an Magica selbst.

Ich kann es kaum erwarten, die Stränge wieder zu vereinen und unser neues Testobjekt in das Prisma zu führen.”



“Meine Hände zittern vor Aufregung, während ich diese Worte schreibe. Die erste große Erkenntnis aus dem Inneren des Kontinents, dem Ort, den wir nun das “Prisma” nennen, verheißt Großes!

Euriktonios und sein Gefolge haben uns, trotz all seiner neu gefundenen Frömmigkeit, diese Gelegenheit ermöglicht! Er hat deshalb einen Platz in unserem Forschungskreis gefordert, eine Bitte, der ich zähneknirschend stattgegeben habe. Zu vielversprechend sind die Möglichkeiten, die sich uns bieten.

Schon kurz nachdem wir mit unseren Experimenten begonnen haben, konnten wir ein zentrales Prinzip unseres Verständnisses der Magie dieses Kontinents revidieren. Bisher galt: Das fünfte Element, definiert als Magica, ist eine Verbindung der vier Elemente Ignis, Terra, Aqua und Aeris und beeinhaltet Konzepte von Verschmelzung, Einheit und Verwandlung.
Unsere jüngsten Erkenntnisse legen jedoch ein weiteres scheinbar gegensätzliches Konzept Magicas nahe. Auf dieser basalen Ebene der magischen Ströme kann das gleiche Prinzip, das fünfte Element, auch die anderen vier Elemente trennen und gruppieren. Ebenso kann das Prisma durch das von Mag. Solphor erkannte Prinzip der elementaren Anziehung elementare Kräfte bündeln, anreichern und im Körper deutlich machen. Ferner muss es sich beim Prisma um einen direkten, magischen Zugang zum Geist des Landes, den Mag. Euriktonios Mitraspera nennt, handeln. Meine Gedanken rasen aufgrund der Möglichkeiten. Ist dies wirklich ein Ort, wo wir dem Land selbst unsere selbsteigenen elementaren Qualitäten zeigen können? Was, wenn wir diese in einem Wesen verstärken würden? Wir haben Präzedenzfälle zur Erschaffung von Leben – was, wenn dieses einem einzelnen der Elemente gewidmet wäre? Dieser Ort scheint diesen rein spekulativen Gedanken in greifbare Nähe zu rücken! Meine Theorie ist, dass wir bei der Erschaffung eines Leibes, mit genügend Kraft eines reinen Elementes, die wir aus dem Prisma ziehen können, eine solche starke Prägung geben können. Die nächsten Versuchsreihen sollten dies ausprobieren und testen, inwiefern eine Rückführung der elementaren Prägung möglich ist - möglichst ohne die Schädigung des ungeprägten Leibes.
Weitere Ansätze könnten die Trennung des reinen Geistes sein. Wie unglaublich wäre es, unsere eigenen Körper elementar zu ermächtigen? Dies würde uns eine neue Meisterschaft des Elementaren ermöglichen! Unsere Möglichkeiten erscheinen mir endlos!”


“Unsere bisherigen Erkenntnisse allein sind zwar schon welterschütternd – doch wie viel mehr könnten wir erreichen, wenn wir die Fäden des Prismas ergreifen und bewegen könnten, wie wir es sonst mit Strängen der Magie tun?
Unsere Unfähigkeit, die Stränge direkt zu berühren und zu manipulieren, hat sich nämlich als eines der größten Hindernisse für unsere Forschung erwiesen. Unsere bisherigen Mittel – allen voran die Herbeirufung großer Mengen elementarer Magie – ist zu unpräzise und kraftraubend für weitere Anwendungen.

Collega Benessaria brachte mich auf eine Idee. Sie sagte, sie habe Handschuhe entwickelt, welche die fragilen Körper ihrer Versuchsobjekte gleichermaßen schützten, wie sie selbst vor den Krankheiten, die sie in deren Körpern kultivierte. Letztlich kein Werk großer Magie – ich bin sicher, ein Paar sauberer Lederhandschuhe würde den gleichen Zweck erfüllen.
Dennoch: Ich habe mir von ihr ein Paar dieser Handschuhe geliehen und sie mit einer der elementaren Kristalle, die wir in unseren ersten Versuchen erschaffen konnten, bestückt. Und siehe da: Die elementare Kraft legt sich wie ein dünner Film über die Hand der Trägerin und ermöglicht das Berühren der Stränge des passenden Elementes. Dieser Prozess ist zwar ebenso kraftraubend und selbst ich vermag nicht länger als 5 Augenblicke die Kraft auszuhalten. Aber das direkte Manipulieren des Strangs ermöglicht vorher Undenkbares!

Endlich, ein Durchbruch!”


“Ich sehe zwar keinen Bedarf daran, dennoch führe ich auf Bitten von Mag. Veronaar meine Schlüsse zur Reparatur des freistehenden Strangs elementarer Kraft im Zentrum des Prismas aus. Möge dieses Wissen zum Verständnis der Macht beitragen, die uns hier an diesem Ort zur Verfügung steht. Das Kernproblem, auf dem diese Diskussion fußt, ist wie folgt:
Der freigelegte Strang elementarer Kraft wird, sollte der ursprüngliche Zustand nicht wiederhergestellt werden - zumindest nach der Theorie von Mag. Veronaar - irgendwann einmal versiegen.
Anm. Man sollte meinen, Mag. Veronaar hat einigen der Lügen unserer Feinde zu sehr Glauben geschenkt - jedenfalls klingt diese Theorie verdächtig nach den Ängsten der Bewahrer Sarkans.

Ich folge zwar der Theorie der Elementaren Perpetration von Mag. Euriktonios, doch für den Fall, dass Mag. Veronaar recht hat und eine Versiegelung notwendig wird, so ist eine Möglichkeit, Stränge des fünften Elements zu einer Schutzhülle zu verweben und zu verknüpfen. Diese Stränge können entweder von außen hinzugefügt werden - was einen nennenswerten Kraftaufwand bedeuten würde - oder sie können direkt aus dem Strang der Kraft genommen werden. Es ist uns gelungen, einzelne Stränge zum Zweck einer Verknüpfung zu kappen - eine gute Theorie sollte zumindest einmal überprüft werden. Der Aufwand dafür ist überraschend gering, und das Problem, dass diese Stränge nicht einfach so angefasst werden können, besteht danach ebenfalls nicht.
Für die Arkane Struktur selbst schlage ich ein Gewebe vor, welches dem von Fischernetzen ähnelt, auch wenn das Wirkungsprinzip eher dem Stabilisieren eines Blutgefäßes ähnelt. Kritiker mögen die Nase rümpfen, ob dieser eher grobschlächtigen Art der Verflechtung, aber wie so oft ist die einfachste Lösung die beste Lösung. Zur Anschaulichkeit für die niederen Adepten habe ich ein Beispielgewebe aus einfachem Zwirn im Labor platziert. Ich würde behaupten, dass selbst Laien diesen Akt hoher Magie vollbringen können - ein erneutes Beispiel dafür, wie außergewöhnlich dieser Ort und dieser Kontinent sind.

Das Gewebe sollte sich möglichst eng um den elementaren Strang in der Mitte des Prismas legen, um den Teil der sich nicht innerhalb der Glaskonstrukte befindet, mit denen wir den Strang gerichtet haben. Durch die dauerhafte Erneuerung der Magie an diesem Ort sollte dieses Konstrukt nahezu ewig halten. Ich möchte an dieser Stelle jedoch noch einmal betonen, für wie unnötig ich solch eine Stabilisierung halte. Das Prisma schenkt uns nahezu unbegrenzte Magie - wieso sollte sie vom einen auf den anderen Tag versiegen oder gar volatil werden?

Gezeichnet,

Mag. Benessaria”


“An die Forschergruppe “Prisma”, Rang Adeptus und höher.

Nach dem bedeutsamen Fortschritt in der Kunst der Prismenmanipulation hat sich unser Kreis versammelt, um das weitere Vorgehen zu beraten und neue Erkenntnisziele zu bestimmen. Die nunmehr im Zentrum unserer Studien stehenden Fragen lauten wie folgt:

Handelt es sich bei dem Prisma um ein einzelnes, einzigartiges Phänomen, oder vermögen wir weitere Stätten dieser Art zu finden, zu öffnen, oder gar selbst hervorzubringen?

Welche Auswirkungen zeigt das Bestehen des Prismas auf die Kunst der Artefakterschaffung? 

Daran anschließend wäre es denkbar, dass Artefakte geschaffen werden, die einen unmittelbaren Zugang zur Macht des Prismas gewähren?
Kann die Macht des Prismas genutzt werden, um die Macht der Nichtverortung (“Die Nebel”) zu durchbrechen?
Kann durch Prismenmanipulation eine direktere Kommunikation mit dem Geist des Kontinents erzielt werden, um die Position der Dritten Schwester zu erfahren?
Welche Möglichkeiten eröffnet die Trennung und anschließende Bündelung elementarer Gefüge?
Ist es möglich, leibliche Strukturen mit elementaren Kräften anzureichern?
Lässt sich ein Körper erschaffen, dessen Gestalt und Wesen gänzlich durch elementare Prägung geformt sind?
Vermögen wir geistige oder seelische Gefüge mit solchen elementgeprägten Strukturen zu verweben?
Kann im Einflussbereich des Prismas eine Bardylos-Abundanz herbeigeführt werden?
Und zuletzt eröffnen sich durch diese Fragen neue Wege zur Deutung der spekulativen Ausführungen des Magisters Quihen?

Möge das Prisma uns Einsicht schenken, wo der Schleier des Unwissens noch liegt. Das Land hat uns sein Innerstes offenbart, es möchte, dass wir diese Kraft nutzen!

Gezeichnet,
Magus Excelsior Euriktonios, Erster Freund des Landes
Stellvertretender Forschungsleiter”