Von einem Treuhänder der Gesellschaft zum anderen – vertraulich
(Text über den Drachenkern)
Geschätzter Partner Herr Millan Greensey,
ich möchte auf das Thema Handel mit magischen Zutaten zurückkommen – genauer gesagt auf unsere Bemühungen, neue Quellen zu erschließen, um die oft schwachen oder unzuverlässigen Manareserven in der einfachen Trankalchemie zu stabilisieren. Wir haben viele Wege untersucht, doch wie Ihr nur zu gut wisst, bleibt die Abhängigkeit von den groben Drachenjägern ein ständiges Ärgernis. Ihre Preise sind absurd, und es ist jedes Mal ein Glücksspiel, ob sie von ihren gefährlichen Ernten überhaupt zurückkehren. Vor Kurzem jedoch hatte ich ein Gespräch mit einem dieser Jäger – einem besonders verwahrlosten Kerl, schwer betrunken oder unter dem Einfluss stärkerer Substanzen. Was er mir erzählte, ist mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Er sprach von einer Zutat – der stärksten, die er je gesehen habe. Mächtiger als Mondwasser der Nocturnen. Potenter als Monsterichor oder Splitterdämonenknochen. Er behauptete, es handle sich um einen Drachenkern. Er sagte, er habe einst einen gefunden. Ihn in der Hand zu halten sei gewesen wie nichts, was er je erlebt habe: zugleich heiß und kalt. Vibrieren, und doch still wie ein Grab. Alle Farben und keine zugleich. Wie ein Diamant, nur weit mehr. Er habe beinahe vergessen zu atmen, als er ihn berührte. Sofort habe er gewusst, dass es etwas von unermesslichem Wert war – und doch sei sein erster Impuls nicht gewesen, ihn zu verkaufen… sondern ihn zu verstecken. Ich zügelte meine Aufregung und lenkte das Gespräch vorsichtig, doch seine glasigen Augen schienen mich gar nicht mehr wahrzunehmen. Als ich fragte, wie man solch ein Ding erlangen könnte, schwieg er. Dann murmelte er: „Ich hätte ihn niemals verkaufen dürfen. Er hat mir nur Unglück gebracht. So etwas verkauft man nicht. Wann im Leben hält man je wieder etwas so Schönes in den Händen?“ Ein Funke Leben – vielleicht mehr. Er wischte sich die Augen und aß ein seltsam aussehendes Stück Pilz, vermutlich aus der Knochenweite, und ich fürchtete schon, er würde ganz verstummen. Doch das Glück war auf meiner Seite. Er sprach weiter: Ein Drache müsse lange tot sein, ehe sich ein Kern bilde. In alten Zeiten habe man so etwas alle paar Jahre gefunden. Doch seit seiner Entdeckung vor über zehn Jahren habe er nie wieder davon gehört. Und trotzdem denke er noch heute, jeden einzelnen Tag, daran – wie es sich in seiner Hand angefühlt habe. Er habe einmal von einem Drachenskelett weit im Norden gehört, wo einst die großen Schlachtfelder lagen. Aber die meisten Überreste dort seien bereits geplündert oder für zu gefährlich befunden worden. Und wie er es ausdrückte: Die Bitterkeit herrsche dort jetzt. Gegen Ende wurden seine Worte bruchstückhaft – irgendetwas darüber, dass er eines Tages am „richtigen Tisch“ sitzen werde, nicht mit Leuten wie mir. Ich konnte keinen Sinn darin erkennen, vielleicht war das auch besser so. Trotzdem hielt ich es für klug, Euch zu informieren. Vielleicht wäre es eine Überlegung wert, eine kleine, gut bewachte Expedition in die Knochenweite zu entsenden. Ob die wahrscheinlichen Verluste ein solches Risiko rechtfertigen, vermag ich jedoch nicht zu sagen. In jedem Fall wollte ich Euch nicht im Unklaren lassen, wenn es um eine Geschäftsmöglichkeit von solcher Tragweite geht.
Die Ströme müssen fließen.
Calahan Blackhorst
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